Verflucht oder geschützt? Römische Magie in Heerlen
Autor: Das Römische Museum
Fotografie: Heerlen
Während der archäologischen Untersuchungen am Raadhuisplein im Jahr 2024 wurde ein besonderes Objekt entdeckt, das uns der Alltagswelt des römischen Heerlen sehr nahebringt: eine kleine Bleitafel mit einer magischen Beschwörung.
Es handelt sich um eine sogenannte defixio, eine Fluchtafel. In der römischen Zeit wurden solche Tafeln verwendet, um übernatürliche Hilfe anzurufen – zum Beispiel um einem Rivalen zu schaden, einem Gegner Unglück zu bringen oder einen Konflikt zu lösen, wenn gewöhnliche Mittel nicht mehr ausreichten. Diese Tafel besteht aus Blei und ist weniger als 10 × 5 cm groß. Sie passt also in die Handfläche.
Geheimnisvolle Zeichen
Auf der Tafel befindet sich ein magischer Text in griechischer Sprache. Er besteht aus Beschwörungsformeln, kleinen Zeichnungen und anschließend einer Liste von Namen. Der Text ist sorgfältig geschrieben, was darauf hinweist, dass der Verfasser Erfahrung im Schreiben hatte. Einige der magischen Wörter ähneln bekannten Formeln aus der Antike, viele Zeichen und Formeln kommen jedoch sonst nirgends vor. Sie scheinen von ägyptischer Magie inspiriert zu sein, ohne diese genau zu kopieren.
Besonders interessant ist, dass Griechisch nicht nur für die Zauberformeln verwendet wurde, sondern für den gesamten Text. Im römischen Westen war es üblich, nur die magischen Formeln auf Griechisch zu schreiben. Dass dies hier anders ist, deutet darauf hin, dass der Verfasser der Tafel vermutlich selbst Griechisch sprach. Das ist außergewöhnlich, denn Fluchtafeln sind in den Niederlanden und Belgien ohnehin selten, und ein Exemplar mit vollständig griechischem Text ist in dieser Region nahezu einzigartig.
In der Umgebung der Fundstelle wurden weitere Funde gemacht, die ins 2. Jahrhundert datieren. Forschende des Instituts für Papyrologie der Universität Heidelberg gehen daher davon aus, dass auch diese Tafel aus dieser Zeit stammt.
Magie als Teil des Alltags
Für uns klingt Magie oft düster oder geheimnisvoll, doch für die Römer gehörte sie zum Alltag. Das Leben war voller Unsicherheiten: Krankheiten, Missernten, Diebstahl oder politische Rivalitäten. Mit Beschwörungen, Amuletten und Ritualen versuchten die Menschen, ihr Schicksal zu beeinflussen. Das konnte positiv sein – etwa zum Schutz oder zur Heilung – aber auch negativ, wie bei Flüchen.
Magische Objekte wurden im gesamten Römischen Reich gefunden. Die verwendeten Formeln und Materialien sind oft sehr ähnlich. Fluchtafeln wurden meist aus Blei hergestellt. Dieses schwere, kalte Metall wurde mit der Unterwelt in Verbindung gebracht. Die Tafeln wurden beschriftet, zusammengefaltet und anschließend in einem Brunnen, Grab oder Gebäude verborgen. Die Worte waren für Götter und Geister bestimmt, nicht für menschliche Augen.
Ein einzigartiger Fund für diese Region
Nur wenige Fluchtafeln wurden in den Niederlanden und Belgien entdeckt. Eine wird im Rijksmuseum van Oudheden in Leiden aufbewahrt, wo sich zu Beginn unserer Zeitrechnung ein römisches Militärlager befand. Eine weitere bekannte Tafel aus den Niederlanden wurde in Bodegraven im Grab eines römischen Soldaten gefunden, zusammen mit einem Reiterhelm und einem Schwertgürtel. Auf dieser Tafel waren die Namen von 21 Soldaten eingraviert.
Auch in Tongeren wurde eine ähnliche Fluchtafel entdeckt, die heute im Gallo-Römischen Museum aufbewahrt wird. Analysen haben gezeigt, dass das Blei aus dem deutschen Eifelgebirge oder aus dem angrenzenden Gebiet in Belgien stammt.
Weitere Untersuchungen zur Herkunft des Bleis der Heerler Tafel sind geplant. Auch die Inschriften werden von Spezialisten genauer analysiert.
Weitere Funde auf dem Raadhuisplein
Der Fund der Tafel steht nicht für sich allein. Unter dem Raadhuisplein wurden auch Überreste von Holz- und Steingebäuden, römische Latrinen, ein Bronzeofen und das Grab eines mutmaßlichen Soldaten entdeckt: Faustus Valerius Flaccus. Zusammen zeichnen diese Entdeckungen das Bild einer lebendigen römischen Siedlung am Kreuzungspunkt zweier wichtiger Straßen: Köln – Boulogne-sur-Mer und der Straße von Aachen nach Xanten.
Bald im Römischen Museum zu sehen
Die Untersuchung der Funde vom Raadhuisplein wird noch mindestens zwei Jahre dauern. Diese Funde sowie andere archäologische Entdeckungen in Heerlen müssen wie Puzzleteile miteinander verbunden werden, um die richtigen Schlussfolgerungen zu ziehen.
Ab 2028 wird das Römische Museum die Geschichten hinter diesen Objekten präsentieren.