560

Gallo-römisches Tienen: Alte Stadt in einer neuen Stadt

Alte Stadt in einer neuen Stadt, Tienen

In römischer Zeit war Tienen weit mehr als nur ein Vicus. Diese bedeutende gallo-römische Siedlung in der civitas Tungrorum, dem Verwaltungsbezirk der Region, lag an der Hauptstraße zwischen Tongeren und dem französischen Cassel. Heute befindet sich das Herz dieser antiken Siedlung in der Nähe des Bahnhofs von Tienen, unmittelbar am Rand der modernen Stadt.

Die Vergangenheit hat hier deutliche Spuren hinterlassen. Zu den frühesten römischen Eingriffen gehörte der Bau einer Straße in Richtung Elewijt. Archäologische Ausgrabungen brachten interessante Siedlungsspuren zutage: Fundamente von Häusern – zunächst aus Holz errichtet, später aus Stein. Diese Gebäude dienten nicht nur als Wohnräume, sondern boten auch Platz für Handwerk und Lagerung.

 

Eine Handwerkszone

In dieser mindestens 2,5 Hektar großen Handwerkszone entdeckten Archäologinnen und Archäologen Dutzende Bronzegussöfen, Schmiedefeuer und möglicherweise sogar Öfen zur Glasverarbeitung. Die gallo-römischen Handwerker arbeiteten mit Metall, Glas und Ton, nutzten jedoch auch tierische Überreste auf einfallsreiche Weise. Knochen wurden zu wertvollen Rohstoffen verarbeitet: Mark wurde gewonnen, Fett ausgeschmolzen und sogar Knochenleim hergestellt. Diese weniger bekannten Prozesse unterstreichen die Einfallsreichheit und Vielseitigkeit der handwerklichen Produktion in Tienen.

Dank der zahlreichen archäologischen Funde wissen wir heute, dass Tienen ein bedeutendes Zentrum des Handwerks war.

 

Ein öffentliches Badehaus

Auch Komfort spielte eine wichtige Rolle. Im Herzen der Siedlung stand ein öffentliches Badehaus von etwa acht Metern Breite und fünfundzwanzig Metern Länge. Bemerkenswert ist, dass das private Badehaus der nahegelegenen gallo-römischen Villa auf dem Mellenberg ungefähr dieselben Maße hatte.

 

Rituale und Glaubensvorstellungen in der Werkstatt

Bei der Ausgrabung des größten Schmelzofens in Tienen machten Archäologen eine bemerkenswerte Entdeckung: einen keramischen Phallus (Penis), der in die Ofenwand eingelassen war. Es handelte sich nicht um einen zufällig verlorenen Gegenstand, sondern um den Ausguss einer Kanne oder eines Gefäßes, der bewusst in die Konstruktion des Ofens integriert wurde.

In der römischen Welt hatten phallische Symbole eine schützende Funktion: Sie sollten Unheil abwehren und Glück bringen. Man fand sie im gesamten Reich – in Wohnhäusern ebenso wie in Werkstätten. Der Fund in Tienen fügt sich nahtlos in diese Tradition ein: eine rituelle Gabe, die den Erfolg des Schmelzprozesses sichern und die Handwerker vor Unglück bewahren sollte. Ein greifbares Zeugnis des Aberglaubens, das Einblicke in die Rituale und Glaubensvorstellungen gallo-römischer Handwerker gewährt.

 

Gallo-römisches Tienen mit dem Fahrrad erkunden

Möchten Sie keinen einzigen Höhepunkt des gallo-römischen Tienen verpassen? Es gibt noch viel mehr zu entdecken. Steigen Sie aufs Fahrrad und folgen Sie der Themenroute! Unterwegs können Sie die gallo-römischen Grabhügel von Grimde besuchen, die gallo-römische Villa Mellenberg mit ihrem privaten Badehaus erkunden und zahlreiche weitere römische Strukturen entdecken.

Tienen ist bereit, all seine gallo-römischen Geheimnisse zu enthüllen.

 

Sind Sie bereit, sie zu entdecken?

„Die tief stehende Herbstsonne wärmt unseren Rücken, Felder und Äcker breiten sich ringsum aus. Jemand legt eine Opfergabe in eine Grube für die Göttin Fortuna. ‚Ich würde mein Glück lieber bei Merkur versuchen‘, seufzt Vater. Die Hilfe des Gottes des Handels könnten wir gut gebrauchen. In Gedanken versunken passieren wir einen Friedhof. Flammen züngeln in der Dämmerung. Der Geruch der Verbrennung mischt sich mit dem erdigen Duft zahlloser Töpferöfen. Wenig später erreichen wir drei Grabhügel, die wie riesige Wächter am Wegesrand aufragen. ‚Eines Tages werden sie all diese Knochen und Grabbeigaben wieder ausgraben‘, sagt meine Schwester. ‚Ganz vorsichtig, mit Pinseln aus Pferdehaar.‘ Ich liebe Julia sehr. Und doch lassen mir ihre Worte manchmal das Haar zu Berge stehen.“ – Marcus Iulus Viator

Kontakt

Weitere Informationen