Ein Garten, in dem die Römer noch immer weiterwachsen
Autor: Anja Neskens
Fotografie: Anja Neskens
„Eigentlich erzählen die Römer ihre Geschichte selbst.“
Wenn Hanneke Schreiber durch den Botanischen Garten Kerkrade spaziert, sieht sie nicht nur Blumen, Bäume und Kräuter. Sie sieht Geschichten. Geschichten, die vor fast zweitausend Jahren niedergeschrieben wurden und heute zwischen dem Grün wieder zum Leben erwachen.
Für die Via Belgica entwickelte die Sammlungsleiterin einen besonderen Rundweg entlang von dreizehn römischen Pflanzen. Keine klassische Führung, sondern eine Entdeckungsreise, auf der Besucherinnen und Besucher die Pflanzen kennenlernen, die die Römer als Nahrungsmittel, Heilmittel, Baumaterial und Inspirationsquelle für ihre Mythen nutzten.
„Ich wollte nicht erzählen, was wir glauben, dass die Römer getan haben. Ich wollte die Römer selbst zu Wort kommen lassen.“ – Hanneke Schreiber
Ein lebendiges Museum
Obwohl Hanneke offiziell im Ruhestand ist, bleibt sie dem Botanischen Garten einen Tag pro Woche als Sammlungsleiterin verbunden.
Mit dieser Arbeit hat sie nicht erst gestern begonnen. Zuvor war sie unter anderem Leiterin des Hortus Botanicus in Amsterdam. Ihre Leidenschaft für Pflanzen entwickelte sich zu einer lebenslangen Faszination.
„Ein Botanischer Garten ist eigentlich ein lebendiges Museum“, erzählt sie. „Jedes Exemplar hat seine eigene Geschichte. Jede Pflanze gehört zur Sammlung und muss sorgfältig dokumentiert und gepflegt werden.“
Genau das macht diesen Garten so besonders. Hier wächst das kulturelle Erbe buchstäblich jeden Tag weiter.
Wo Geschichte zu blühen beginnt
Auch der Botanische Garten selbst hat eine besondere Geschichte.
Zur Zeit der Staatsmijnen entstand die Idee, für Bergleute und ihre Familien einen Ort zu schaffen, an dem Natur, Erholung und Wissen zusammenkommen. Dank der finanziellen Unterstützung des Fonds der Staatsmijnen konnte dieser Traum Wirklichkeit werden.
Der belgische Landschaftsarchitekt John Bergmans entwarf gemeinsam mit dem Gärtner Jos van Loo einen Garten, in dem Sichtachsen, besondere Pflanzensammlungen und grünes Kulturerbe im Mittelpunkt standen. Aufgrund des Zweiten Weltkriegs verzögerte sich die offizielle Eröffnung um viele Jahre. Erst 1945 konnte die breite Öffentlichkeit den Garten in vollem Umfang genießen.
Heute ist derselbe Garten erneut ein Ort, an dem Besucherinnen und Besucher auf Entdeckungsreise gehen.
Auf der Suche nach den echten Römern
Als Roger van de Poel Hanneke bat, einen Rundweg zu römischen Pflanzen zu entwickeln, begann für sie eine monatelange Suche. Welche Pflanzen nutzten die Römer tatsächlich? Und noch wichtiger: Welche Geschichten sind historisch zuverlässig?
„Das Schwierigste war nicht, Pflanzen zu finden, sondern verlässliche Quellen.“
Deshalb entschied sich Hanneke, zu den ursprünglichen Autoren der klassischen Antike zurückzukehren. Keine modernen Internetseiten. Keine Legenden. Sondern die Texte von Cato dem Älteren, Vergil, Ovid, Vitruv, Dioskurides, Plinius dem Älteren und Plinius dem Jüngeren. Sie bilden den roten Faden des Rundwegs.
Die Römer erzählen selbst
An jeder Pflanze wartet ein Zitat aus der römischen Welt. Am Olivenbaum liest man, wie Cato der Ältere genau beschreibt, wie ein Olivenbaum gepflanzt werden sollte.
„Olivenstecklinge … sorgfältig behandeln, damit die Rinde keinen Schaden nimmt.“
Zwischen den Nadelbäumen glaubt man sich anschließend im Jagdgebiet der Diana, wo Ovid schreibt:
„Es gibt ein Bergtal, reich an hohen Tannen und Zypressen, Dianas heiliges Jagdgebiet …“
Am Feigenbaum gibt Cato sogar praktische Hinweise zur Aufbewahrung:
„Getrocknete Feigen sollte man, wenn man sie gut aufbewahren will, in einem Tongefäß lagern.“
So spaziert man nicht nur an Pflanzen vorbei, sondern auch an den Stimmen der Antike.
Viel mehr als nur Kräuter
Der Rundweg zeigt, dass Pflanzen für die Römer weit mehr als nur Nahrung waren. Salbei wurde als Heilpflanze verwendet. Thymian unterstützte die Imkerei. Lorbeer stand als Symbol für den Sieg. Zedernholz und Wacholder wurden beim Bauen eingesetzt. Weintrauben erinnerten an die Welt des Bacchus, während Buchsbaum die luxuriösen römischen Ziergärten schmückte.
Selbst eine einfache Zwiebel erzählt ihre eigene Geschichte. Der Rundweg macht deutlich, wie viel Wissen die Römer mitbrachten, als sie über die Via Belgica in unsere Region gelangten. Nicht nur Soldaten und Händler reisten auf dieser Straße, sondern auch Ideen, landwirtschaftliche Techniken und Pflanzen, die unsere Region dauerhaft veränderten.
Von der Forschung zum Erlebnis
Das Besondere an diesem Rundweg ist, dass Wissenschaft und Erlebnis Hand in Hand gehen. Zu den dreizehn Pflanzen entwickelte Hanneke einen kompakten Wanderführer, in dem historischer Hintergrund, botanisches Wissen und originale römische Zitate zusammenkommen. Die gut erkennbaren Schilder mit dem römischen Helm weisen den Besucherinnen und Besuchern unterwegs den Weg. Jede Station lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten. Nicht nur, um eine Pflanze zu betrachten, sondern um ihre Geschichte zu entdecken.
Ein Garten, der weiterwächst
Für Roger van de Poel, der für die organisatorische Entwicklung des Botanischen Gartens verantwortlich ist, war die Zusammenarbeit mit der Via Belgica der logische nächste Schritt.
„Die Via Belgica suchte Unternehmer und Partner, die dazu beitragen, die römische Vergangenheit sichtbar zu machen. Wir haben sofort erkannt, wie gut der Botanische Garten dazu passt.“
Auch für Roger steht die Bildungsarbeit im Mittelpunkt. Ursprünglich wurde er zum Kameramann ausgebildet und arbeitete viele Jahre an pädagogischen Fernsehprojekten mit. Wissen zu vermitteln liegt ihm im Blut.
„Ein Garten soll den Menschen nicht nur Freude bereiten, sondern ihnen auch etwas beibringen.“
Ein neuer Schritt innerhalb von VIA VIA
Nach Ansicht von Roger verleiht der Rundweg zu den römischen Pflanzen dem Botanischen Garten eine neue Dimension.
Die Via Belgica ist inzwischen Teil des internationalen Projekts VIA VIA, in dem römische Geschichten Besucherinnen und Besucher aus den Niederlanden, Belgien und Deutschland miteinander verbinden. Der Botanische Garten fügt sich nahtlos in dieses Projekt ein.
Gemeinsam mit VIA VIA wird an der weiteren Entwicklung des Gartens gearbeitet. Roger wirkt am Jahresplan mit, denkt über neue Besuchererlebnisse nach und untersucht, wie sich der Botanische Garten weiterentwickeln kann. Der Rundweg zu den römischen Pflanzen ist dabei eine Einladung an ein neues Publikum. Nicht nur an Pflanzenliebhaber, sondern an alle, die entdecken möchten, wie ein einfacher Feigenbaum, duftender Salbei oder ein Lorbeerstrauch einen plötzlich zweitausend Jahre in die Vergangenheit versetzen kann.
Entdecken Sie die Römer im Grünen
Manchmal muss man kein Museum betreten, um Geschichte zu erleben.
Manchmal genügt es, einfach einem Gartenweg zu folgen.
Und genau hinzusehen.
Denn zwischen den Blättern flüstern die Römer noch immer ihre Geschichten.