Der vergessene römische Wachturm von Heerlen
Autor: Harry Lindelauf
Fotografie: Harry Lindelauf
Die Thermen und die Funde aus römischer Zeit unter dem Raadhuisplein in Heerlen ziehen – zu Recht – viel Aufmerksamkeit auf sich. In ihrem Schatten und weitgehend in Vergessenheit geraten liegt eine militärische Entdeckung an der Ostseite des römischen Heerlen.
Gehen wir also zurück in das Jahr 1935. Damals wird Heerlens erster Stadtarchäologe Piet Peters aktiv. Er hört die Geschichte eines Bauern, der beim Pflügen immer wieder auf Kalksteinbrocken stößt. Peters geht der Sache nach und gelangt zur Oude Scheytergracht. Dieser Name bezeichnet einen Hohlweg, der vom Caumerbeek-Tal hinter Huize De Berg entlang zum Vossekuilenweg führt. Der Archäologe tut, was Archäologen tun: Er gräbt und entdeckt massive Mauern eines 10,50 Meter mal 6,75 Meter großen Gebäudes. Die Mauern aus Kunrader Stein sind 80 bis 90 Zentimeter dick und stehen auf einem Fundament aus festgestampftem Kies.
Blick auf die Umgebung
Nach Ansicht von Piet Peters handelt es sich sehr wahrscheinlich um die Überreste eines römischen Wachturms. Der Turm steht etwa 60 Meter von der Via Belgica entfernt und bietet einen freien Blick nach Westen auf Coriovallum auf der gegenüberliegenden Seite des Caumerbeek-Tals. Die Besatzung des Turms hatte jedoch auch Sicht nach Norden und – noch wichtiger – nach Osten in Richtung des römischen Rimburg mit seiner Brücke über die Wurm. Diese Richtung war wichtiger, weil die Bedrohungen meist aus dem Osten kamen, in Form von Einfällen germanischer Stämme.
Fast ein Jahrhundert nach den Grabungen von Piet Peters ist der Wachturm kaum mehr als ein Artikel in De Maasgouw aus dem Jahr 1935. Denn außer Steinblöcken wurde nur wenig gefunden. Eine Ausnahme bilden Bruchstücke von Mühlsteinen, die aus Lavabasalt aus der Eifel gefertigt wurden.
Foto: Lageplan des Standorts des Heerlener Wachturms an der Vossekuil im Jahr 1935, gezeichnet von Piet Peters.
Goudsberg
Dennoch ist der Heerlener Turm auch heute noch eine besondere Entdeckung: Entlang des südlimburgischen Abschnitts der Via Belgica sind nur zwei „Kollegen“ bekannt, beide im Geultal. Dort entdeckten die Archäologen Goossens und Holwerda 1916 auf dem Goudsberg bei Walem die Überreste eines Wachturms. Anhand ausgegrabener Münzen und Gebrauchsgegenstände kam Holwerda zu dem Schluss, dass der Turm um 300 n. Chr. errichtet wurde. Um 380 wurde der Turm durch einen Brand zerstört.
Der Turm auf dem Goudsberg bietet einen guten Blick auf die Via Belgica unten im Geultal. Der zweite Wachturm im Geultal steht fünf Kilometer weiter westlich bei Rondenbosch in Valkenburg-Houthem. Bereits 1865 führten hier der Priester und Amateurarchäologe Habets sowie die Archäologen Schuermans und Janssen Grabungen durch. Sie fanden Gräben, Wälle und Überreste römischer Gebäude. Unter Archäologen gibt es Diskussionen über die Datierung der verschiedenen Funde, doch Habets und Holwerda, Archäologe am Museum für Altertümer in Leiden, gingen davon aus, dass ein befestigter römischer Turm Teil der Überreste war.
Foto: Aufnahme der Ausgrabung auf dem Goudsberg im Jahr 1916.
Ein größerer Plan
Es sieht danach aus, dass die Wachtürme Teil eines größeren Plans waren. Um das Jahr 300 errichteten die Römer Befestigungen beim Badehaus in Coriovallum, und in Maastricht wurde ein Castellum gebaut, um die Maasbrücke zu sichern. Auch die Wachtürme stammen aus dieser Zeit, und es liegt nahe, dass sie Teil einer Kette von Türmen entlang der Via Belgica waren, denn ein einzelner Turm hätte nur wenig Sinn ergeben. Ziel der Wachtürme war es, Gefahren schnell zu erkennen, damit ein militärisches Eingreifen möglich war und Plünderungen verhindert werden konnten.
Benediktiner
Die drei Standorte Heerlen, Rondenbosch und Goudsberg sind dank archäologischer Ausgrabungen bekannt. Es gibt jedoch weitere Orte, die als mögliche Standorte anderer Wachtürme infrage kommen, darunter der Eikenbos in Landgraaf und die hoch gelegene Remigiuskirche in Klimmen. Über letzteren Ort heißt es, dass Benediktiner im 12. Jahrhundert die Überreste eines römischen Wachturms dankbar nutzten, um dort einen weit zurückliegenden Vorgänger der heutigen Kirche zu errichten. Angesichts der Lage auf dem höchsten Punkt der Umgebung klingt dies plausibel. Beweise dafür gibt es leider (noch) nicht.
Foto: Der Turm am Rondenbos bot einen weiten Blick über das Geultal. In etwa einem Kilometer Entfernung verlief unten im Tal die Via Belgica.